Cannabis kann Hilfe sein – Wie viel Potenzial steckt hinter der Pflanze?

Wiedermal hat Lukas eine schlaflose Nacht hinter sich gebracht. Die Schmerzen wanderten von Gelenk zu Gelenk. Finger und Hände sind angeschwollen und die Entzündungen an den Füßen sind unerträglich. Vor Allem die Rückenschmerzen machen das Aufstehen jeden Morgen zur Qual. Frühmorgens ein Joint und der Tag ist dein Freund. Wenn diese alte Hippie-Parole auf jemanden zutrifft, dann auf Lukas E.

Der 25-Jährige leidet an Rheuma. Die Gelenkschmerzen am ganzen Körper machen seinen Alltag zur Hölle und der Tag – der war viele Jahre nicht sein Freund. Doch es gibt ein Heilmittel aus der Natur: Cannabis. Der darin enthaltene Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) ist erstaunlich wirksam. Doch Cannabis ist in Deutschland verboten. Lukas hat Glück: Er ist einer von 530 Patienten, die in Deutschland eine Ausnahmeerlaubnis zur Verwendung von Cannabisblüten besitzen. „Ich habe immer gekämpft. Heute geht es mir wieder super und ich lass mir das auch nicht mehr wegnehmen. Jahrelang habe ich nur Medikamente genommen, die mir nur ein Bruchteil von dem gebracht haben wie Cannabis.“ Knapp 4 Jahre war Lukas in schulmedizinischer Behandlung, bis er durch die Medien erfahren hat, dass Cannabis gegen entzündliche Krankheiten und chronische Schmerzen helfen soll.

Cannabis das „Teufelszeug“

Hanf, lateinisch Cannabis, ist eine der ältesten Kulturpflanzen. Seit Jahrtausenden wird sie als Lieferant für Fasern und Ölprodukte geschätzt, auch der Konsum war lange gesellschaftlich akzeptiert. Um 1900 kam die Wende. Zur Zeit der industriellen Revolution betrachteten vor allem die Papier- und die fossile Brennstoffindustrie Hanf nicht als nützlich, sondern im Gegenteil als eine Gefahr für ihre Milliarden Dollar schweren Unternehmen. Die Wunderpflanze war dem neuen Wirtschaftszweig ein Dorn im Auge. Cannabis wurde immer weiter in ein schlechtes Licht gerückt. Die Entwicklung von syntethischen Arzneien und das weltweite Verbot von Cannabis beendeten den Boom.

Heute wird die Cannabisforschung wieder aufgenommen. Der Pflanze wird seit Jahrhunderten eine heilende Wirkung zugeschrieben, die mittlerweile durch klinische Studien nachgewiesen ist. Schon früher war Cannabis eine der ältesten genutzten Arzneipflanzen. So waren Cannabisprodukte Bestandteil so mancher medizinischen Tinkturen und Extrakten. Ein Allheilmittel ist Cannabis natürlich nicht, aber es gibt heute einige Anwendungsbereiche, bei denen Cannabis eine effektive Medizin darstellt.

Patienten müssen mit Vorbehalten rechnen

Die aktuelle Situation bei der Verwendung von Cannabis als Medizin ist in Deutschland sehr unbefriedigend. Lukas wurde von seinem damaligen Arzt zuerst verspottet. Er würde kein Cannabis verschreiben. Es mache abhängig. „Ich solle weiter Opiate nehmen, da diese nicht abhängig machen würden. Ich musste knapp 400km fahren, bis ich schließlich einen Arzt gefunden habe, der mich unterstützt. Der Antrag für die Verwendung von Cannabis aus medizinischen Zwecken an die Bundesopiumstelle hat ungefähr ein dreiviertel Jahr in Anspruch genommen“, erklärt Lukas. Die Behörde forderte, er solle noch ein Medikament ausprobieren. Dr. Franjo Grotenhermen, Vorstand und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin, betont, dass der Patient sicherlich mit großen Vorbehalten rechnen muss. Es ist nicht einfach einen Arzt zu finden, der Erfahrung mit Cannabis als Medizin hat. Die Ausnahmeerlaubnis nach §3 Absatz 2 des Betäubungsmittelgesetzes zum Erwerb von Cannabis ist vielen Ärzten nicht bekannt. Grotenhermen nennt ein paar Tipps: „Zunächst ist es wichtig, sich selbst gut zu informieren, um möglicherweise den eigenen Arzt zu überzeugen, eine solche Therapie zu unterstützen. Man wird aber kaum von einem normalen Hausarzt erwarten können, dass er sich intensiv in die Thematik einarbeitet. Es ist daher wichtig, sich selbst in das Thema einzuarbeiten, um dem Arzt präzise sagen zu können, was man von ihm will.“ „Um die Ausnahmegenehmigung zu erhalten muss man austherapiert sein,“ erzählt Lukas. „Ich hatte alle Voraussetzungen erfüllt, da ich schon lange Zeit viele verschiedene Mittel ausprobiert habe.“ Grotenhermen erklärt, die wichtigste Voraussetzung sei die Therapieresistenz der Erkrankung. Therapieresistenz liegt vor, wenn andere Verfahren nicht wirksam sind oder starke Nebenwirkungen verursachen. Florian Rister vom Deutschen Hanfverband ist der Meinung,

„insbesondere die strikte Regelung zum vorherigen Austherapieren sind für viele Patienten eine unerträgliche Belastung, vor allem, wenn sie aus Erfahrungen mit illegalem Cannabis schon genau wissen, dass ihnen dieses Mittel hilft.“

Mit dem am 10.03.2017 in Kraft getretenen Gesetz ‚Cannabis als Medizin‘, haben die Ausnahmegenehmigungen ihre Geltungsdauer verloren. Sie wurden durch vom Arzt erstelle Rezepte abgelöst.

Cannabis und seine Wirkung

Lukas verdampft heute meistens nur die Indica-Cannabis Sorte aus der Apotheke. Diese hat kaum psychische Nebenwirkungen. Die Indica ist berüchtigt dafür, ein körperliches „Body- High“ zu erzeugen – großartig zur Entspannung und Meditation. Durch den speziellen Verdampfer entstehen keine Verbrennungsprodukte. Es werden nur die Wirkstoffe ausgelöst. Aber wie und wo wirken die im Cannabis enthaltenen Stoffe im Körper?

Das fünfblättrige Hanfgewächs beinhaltet, wie viele andere Pflanzen auch, sehr viele Inhaltsstoffe. Wichtige Bestandteile der Cannabispflanze sind die Cannabinoide. Darunter zählen unter anderem das Cannabidiol, kurz CBD und das Tetrahydrocannabinol, kurz THC. THC verändert einerseits die Wahrnehmung, sorgt also für den Rausch, auf den viele Hobby- Kiffer aus sind. Andererseits entfaltet es aber auch therapeutische Wirkung. CBD dagegen verursacht keinen Rausch aber es hat im Gegensatz zu THC eine stärkere medizinische Wirkung. Unser Körper produziert eigene Substanzen, die ähnlich wie Haschisch wirken. Sie sorgen jedoch nicht für eine rauschhafte Verzückung. Diese körpereigenen Cannabinoide helfen verschiedenste Vorgänge zu regeln. Sie beeinflussen das Gedächtnis, die Bewegungssteuerung, das Schmerzempfinden und das Immunsystem. Sie regen den Appetit an und dämpfen Übelkeit. Wenn Lukas die Cannabisblüten inhaliert, hat er keine Schmerzen mehr. Was passiert in dem Moment in seinem Körper? Grotenhermen erklärt das folgendermaßen: „Sie aktivieren Cannabinoid-Rezeptoren im Schmerzzentrum des Gehirns, was dazu führt, dass die Schmerzweiterleitung und damit die Schmerzwahrnehmung gehemmt werden.“

Während man die Wirkung einzelner Cannabinoide schon gut kennt, ist das komplexe Gesamtsystem bislang kaum erforscht. Deshalb kann der Erfolg von Cannabis Produkten von Patient zu Patient sehr unterschiedlich sein. Im Fall von entzündlichen Erkrankungen wie Rheuma beobachtet man nicht nur eine Linderung der Schmerzen, sondern auch eine Entzündungshemmung. Im Bereich von multipler Sklerose stellt man eine positive Beeinflussung von Spastiken fest. Epileptiker können ihre Anfälle besser kontrollieren. Positive Erfahrungen gibt es auch bei Bewegungsstörungen wie dem Tourette Syndrom.

„In Deutschland besteht die Möglichkeit entweder bestimmte Medikamente auf Cannabisbasis wie zum Beispiel Sativex zu verschreiben sowie eine Ausnahmeerlaubnis zur Verwendung von Cannabisblüten bei der Bundesopiumstelle zu beantragen“, erklärt Dr. F. Grotenhermen. Ärzte können über ein Betäubungsmittelrezept Dronabinol verschreiben. Nabilon und Dronabinol werden vor allem bei der Behandlung von Übelkeit und Erbrechen bei Chemo- und Strahlentherapie bei Krebspatienten eingesetzt.

Hohe Preise Keine Besserung

Lukas zahlt 88€ für 5 Gramm Cannabisblüten – um einiges mehr als auf dem Drogenmarkt. Der Hanfverband betont, dass Cannabispatienten durch hohe Preise von teils über 25€ pro Gramm Cannabis und Lieferengpässe in einer sehr schwierigen Lage sind. Seit Inkrafttreten des Cannabis-Medizin-Gesetztes können Apotheker Aufschläge bis zu 100% verlangen.
Das Mundspray Sativex kostet mit drei 10 Milliliter-Fläschchen ungefähr 314€ und 500mg Dronabinol etwa 400€. Grundsätzlich gibt es keinen Anspruch auf eine Kostenerstattung von Cannabis. Manchmal werden die Kosten von der Krankenkasse auch aus Kulanz übernommen. Auch bei Lukas hat die Kasse abgelehnt. „Meine Krankheit zieht keinen tödlichen Verlauf nach sich.“ Das Urteil des Bundesverfassungsgericht 2005 besagt, dass bei einer lebensbedrohlichen oder regelmäßig tödlichen Erkrankung die Kosten einer Behandlung erstattet werden müssen […] Lukas erzählt: „Meine Infusionen hat die Krankenkasse dagegen sofort gezahlt. Mein teuerstes Medikament war RoActemra, 8000€ eine Infusion, alle vier Wochen. Nach der zweiten Infusion bin ich aufgrund einer allergischen Reaktion fast gestorben. Es war so knapp. Ich war schon weg.“ Danach machte er eine Schmerztherapie. „Das war totaler Quatsch. Drei oder vier Jahre habe ich Kortison genommen, in hohen Dosen, die mich dick gemacht haben.“

Uneinigkeit bei Experten

Rainer Thomasius, Psychiatrieprofessor und Leiter der Drogenambulanz am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg warnt vor Cannabis als Schmerzmittel. „Es gibt kaum Belege für eine Wirksamkeit von Cannabis.“ Ein neues Medikament müsse vor der Zulassung nicht nur seine Wirksamkeit im Vergleich mit Placebos gezeigt haben, sondern auch seine Überlegenheit gegenüber bereits eingeführten Mitteln. „Die Gefahr der Abhängigkeit ist sehr groß.“ Bei der Behandlung mit Cannabisblüten gibt es einen großen Nachteil. Bei gewöhnlichen Medikamenten sind ein oder zwei unterschiedliche Wirkkomponenten enthalten. Bei den Cannabisblüten sind es dagegen ungefähr 400 Wirkstoffe. „Im Moment wissen wir noch gar nicht, wo und wie diese im menschlichen Körper wirken“, betont Thomasius. Cannabis steht im Betäubungsmittelgesetz, weil es eine gesundheitsschädigende Substanz ist. Dr. F. Grotenhermen stimmt Thomasius zu: „Wie andere Medikamente helfen Cannabisprodukte bei einem Teil der Patienten und werden von einem Teil der Patienten nicht gut vertragen.“ Die Nebenwirkungen lassen sich vor allem in zwei Gruppen einteilen. Solche auf das Herzkreislaufsystem wie zum Beispiel die Steigerung der Herzfrequenz oder eine Beeinflussung des Blutdrucks sowie auf die Psyche und die psychomotorische Leistungsfähigkeit. Hierzu zählen unter anderem Stimmungsveränderungen, Heiterkeit, Angstzustände, Verschlechterung der kognitiven Leistungsfähigkeit, psychomotorische Beeinträchtigung, et cetera.

„Ja, es gibt Probleme, weil so viele mögliche Indikationen bisher wenig oder keine klinische Forschung durchgeführt wurde, so dass Ärzte unsicher sind, ob sie das Medikament bei einer bestimmten Indikation einsetzen können.“ Ärzte müssen sich auf fundierte Ergebnisse verlassen können und das geht nur mit wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Spezifische Vorteile gibt es keine. Allerdings ist Cannabis sehr gut langzeitverträglich, weil es innere Organe nicht schädigt, was auf andere Medikamente oft nicht zutrifft. Auch der deutsche Hanfverband äußert sich positiv. Die Vorteile einer weitergehenden Legalisierung von Cannabis als Medizin und nur als Medizin wären klar: Sichere und saubere Medizin für kranke Patienten, keine Strafverfolgung gegen Patienten, Arbeitsplätze und Steuereinnahmen durch die Produktion. Apotheker Roman Schultz meint: „Für Palliativ-Patienten ist es wirklich eine gute Sache. Cannabinoide wirken stimmungsaufhellend und sorgen für eine bessere Lebensqualität. Da eine Heilung kaum bis gar nicht in Aussicht steht, kann man mit Cannabis dem Patienten noch einen schönen Lebensabend machen.“

Doch wie hoch ist die Gefahr des Missbrauchs? Psychiatrieprofessor Rainer Thomasius betont vor allem das Backdoor Problem im Hinblick auf Jugendliche. Von einer Altersschranke hält er nichts. „Das funktioniert nicht. Das sehen wir am Beispiel Alkohol. Die Substanzen werden von Älteren, die Zugang zu den Rauschmitteln haben, weitergegeben.“

Florian Rister vom deutschen Hanfverband äußert sich dazu kritisch. „Natürlich wird es Leute geben, die ein medizinisches System ausnutzen wollen. Das gibt es auch bei vielen anderen verschreibungsfähigen Medikamenten und dies wird nur in geringem Maße durch Regierung oder Medien skandalisiert.“ Da Cannabis deutlich weniger schädliche Nebenwirkungen hat, als die meisten anderen verschreibungsfähigen Medikamente, ist nicht von größeren Problemen bei einer missbräuchlichen Anwendung auszugehen. Es ist vor allem wichtig, Suchtpolitik und

Medizin hinsichtlich Cannabis zu trennen. „Nach meiner Auffassung ist es mit den Menschenrechten nicht vereinbar, dass man schwer kranken Patienten eine mögliche wirksame Therapie vorenthält“, betont Grotenhermen.

Legalisierung liegt in der Luft

Der Gesetztesvorschlag der Grünen, das Cannabiskontrollgesetz, kurz CannKG, zeigt auf, wie eine Legalisierung aussehen kann. Seit 45 Jahren gibt es das Betäubungsmittelgesetz. Es war damals das Ziel, die Betäubungsmittel zu eliminieren. Das Angebot sowie die Nachfrage sollten reduziert werden. Das Gegenteil ist geschehen. Es hat eine Vervielfachung der Nachfrage gegeben und eine noch viel stärkere Vervielfachung des Angebots. Insofern hat das Strafrecht nichts bewirken können obwohl es schon so oft verstärkt wurde. „Dann lohnt es sich über eine staatliche Regulierung nachzudenken“, so Peter Raiser von der DHS. Zensierte Verkaufsstellen, strenger Jugendschutz, das sind Gedankenspiele, die machen schon eher Sinn. Regulärer Markt sorge dafür, dass mehr Geld für Therapien und Verbraucherschutz bereitsteht.

„Der Gesetzentwurf der Grünen geht schon ganz stark in die richtige Richtung“, meint Raiser. Klare Strukturen und intensive Forschung von Cannabis eröffnen neue Chancen in der Medizin. Eine Legalisierung bezüglich Cannabis als Medizin liegt durchaus in der Luft. Noch lehnt Drogenbeauftragte Marlene Mortler das CannKG ab. Aber es soll eine Alternative geben, um den Zugang zu Cannabisprodukten für Patienten zu erleichtern. Das Gesetzesvorhaben der Bundesregierung sieht vor, Anbau und Handel von Cannabis zur Schmerztherapie in die Hände einer staatlichen Stelle zu geben. Einem so genannten Staatlichen Dealer. Wichtig ist es, den ideologischen Käfig zu verlassen und medizinischen Zugang dringend zu erleichtern. Gute Nachrichten für Cannabispatienten stehen bevor. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, stellt Verfügbarkeit und Erstattung von Cannabis als Medikament für 2016 in Aussicht.

Den Ärzten steht heutzutage ein sehr differenziertes Spektrum an bewährten Schmerzmitteln zur Verfügung. Auch diese mussten vorerst unter die Lupe genommen werden. Morphium zum Beispiel weist auch Suchtpotenzial auf, ist aber gut erforscht. Die Opiate wurden verändert, sodass das Risiko zur Abhängigkeit gesenkt wurde. Die Studienlage bezüglich Cannabis als Medizin ist gering. Aber es gibt Nachweise, die die Wirksamkeit von Cannabis bei verschiedenen Krankheiten belegen. Es ist schon seltsam wie viel Wind um eine Pflanze gemacht wird. Warum sollte man Cannabis also keine Chance geben?

„Cannabis kann Sünde sein“ – Cannabis kann aber auch Hilfe sein.

– Elena Brenner –

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