TOLLHAUS

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Die Bundesopiumstelle verspricht in ihrem Jahresbericht 2012/2013, Seite 67, dass hinsichtlich von Betäubungsmitteln (Zitat) die „Versorgung der Patientinnen und Patienten jederzeit sichergestellt“ ist.

Für medizinischen Cannabis gilt dieses Versprechen nicht.

Die derzeitige Situation:
Sicherstellung der Versorgung mit Betäubungsmitteln (Opiaten): Ja. Unproblematisch
Sicherstellung der Versorgung mit dem Betäubungsmittel Cannabis: Nein. Problematisch.

Das BfArM, das dem Ministerium für Gesundheit untersteht und immer wieder postuliert, dass es auch Aufgabe des BfArM sei, „der Entstehung und Erhaltung von Abhängigkeits-Erkrankungen entgegenzuwirken“, verhält sich trotz des signifikant geringeren toxischen Potenzials von Cannabis (und damit einhergehend auch eines geringeren Risikos möglicher Ausbildung von Gewöhnung oder Abhängigkeit) im Vergleich zur akuten Giftigkeit von pharmazeutisch hergestellten Betäubungsmitteln wie z.B. Morphin, Methadon oder Diamorfin beim unzweifelhaft harmloseren Cannabis vollkommen gegen jede gesundheitliche Logik und wider allen medizinischen Sachverstand.

Es darf vorausgesetzt werden, dass dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte und seinen Mitarbeitern die erheblich zahlenmäßige Diskrepanz zwischen letal Überdosierten durch Opiate einerseits und Cannabis andererseits in den vergangenen 4 Jahrzehnten seit Bestehen des Betäubungsmittel-Gesetzes nicht verborgen geblieben ist. Erforderlichenfalls können die Zahlen den jährlich erscheinenden Drogen- und Suchtberichten der Bundesregierung entnommen werden.

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Statt aus diesem elementar wichtigen Umstand des sehr geringen Gefährdungspotenzial aber die richtigen Schlüsse zu ziehen und den Zugang zu medizinischem Cannabis zu vereinfachen, bleiben die Hürden zur Erlangung einer Ausnahmegenehmigung unzumutbar hoch.
Patienten müssen „austherapiert“ sein oder aber sie müssen den „Versuchskarnickel-Pfad“ beschreiten, der (oftmals) lange, qualvolle Medikamenten-Tests am eigenen Körper bedeutet,
die vom Arzt hinsichtlich Wirkungen und Nebenwirkungen zu dokumentieren sind.
Das ist gleichzusetzen mit fremd-auferlegtem Leiden, bloß weil BtM – Verwaltungsrichtlinien es offenbar so (unmenschlich) vorsehen. Tatsächlich ist es auch unnötiges Leiden, wenn der Patient die lindernden Eigenschaften des Cannabis bereits vor dem Gang auf den Versuchskarnickel-Pfad kennengelernt hat und die Möglichkeit des Gebrauchs dieses verhältnismäßig nebenwirkungsarmen Naturprodukts vor allen anderen pharmazeutisch hergestellten Alternativen bevorzugt…

Ist man als Antragsteller nach Zahlung der Bearbeitungsgebühr schließlich glücklicher Ausnahme-Genehmigungsinhaber und erhält eine beurkundete Erlaubnis zum Bezug von Cannabis aus einer Apotheke, so wird man ab diesem Zeitpunkt allerdings nicht nur mit zu zahlenden Wucherpreisen für den importierten Cannabis konfrontiert ( 75 – 125 €/5 g) sondern auch mit regelmäßig stattfindenden Liefer-Ausfällen.
Die Mit-Verantwortung für diese Liefer-Ausfälle weist das BfArM stets weit von sich, obwohl die Erlaubnis-Inhaberzahlen seit der ersten Genehmigung 2008 ebenso kontinuierlich ansteigen wie der faktische Bedarf an Cannabisblüten und an sonstigen Cannabisprodukten.

Der Produzent der Cannabisblüten, Bedrocan BV, Niederlande, hat zwar jüngst erst die Anbaufläche für seine Kulturen vergrößert, kommt aber bei Kontingent-Lieferungen nach Deutschland immer wieder mal ins Straucheln; insbesondere auch jetzt, nachdem neben den Niederlanden, Italien und Deutschland auch Tschechien mit medizinischem Cannabis beliefert wird.
Der Importeur des Cannabis, die Firma Fagron, sieht sich für diesen längsten Lieferausfall der bisherigen Cannabis als Medizin-Geschichte in Deutschland (Nov. 2014 bis voraussichtlich Januar 2015) und für alle bisherigen Liefer-Ausfälle ebenfalls nicht verantwortlich.
Vorratshaltung scheint für Fagron nicht wirtschaftlich zu sein.
Auch mit der Auskunft von Daten und Zeiträumen bezüglich aller bisherigen Lieferausfälle zeigt sich Fagron wiederholten Patienten-Anfragen gegenüber unkooperativ und intransparent. Möglicherweise ist der Importeur sich im Klaren darüber, dass diese Daten eine wichtige Rolle in der verwaltungsrechtlich zu klärenden Eigenanbau-Frage spielen und die Herausgabe der erbetenen Informationen wirtschaftliche Einbußen nach sich ziehen könnte.
Für Patienten mit Genehmigung sind diese Daten jedoch der konkrete der Beweis für die Tatsache, dass die Versorgung mit Cannabis via BfArM, Fagron, Bedrocan nicht gewährleistet ist.
Eigenanbau hingegen gewährleistet die Versorgung.

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Derweil blockieren BfArM und BMG in trauter Einigkeit die Schaffung einer staatlichen Cannabis-Agentur, die eine gute Alternative zu all diesen peinlichen Lieferausfall-Szenarien böte, unter denen eine ganze Menge Patienten zu leiden hatten und aktuell noch zu leiden haben.
Patienten, denen der Schwarzmarkt verwehrt ist, weil sie bei Entdeckung ihre Erlaubnis verlieren könnten.
Patienten, denen der Eigenanbau verwehrt ist, weil das Bundesministerium für Gesundheit keinen Anbau will.
Der (neue) Präsident des BfArM, Prof. Dr. Karl Broich, formuliert in einem Schreiben vom 20. September 2014: „Derzeit ist die Einrichtung einer Cannabis-Agentur nicht erforderlich.“

Möglicherweise wäre die Einrichtung eines Tollhauses sinnvoller.

Darin könnten dann all jene Patienten zusammengefasst werden, die just in diesen und vielen noch vor ihnen liegenden Stunden, Tagen und Wochen – auch zur schönsten Weihnachtszeit – wegen des erneuten Cannabis-Lieferausfalls vermehrt mit heftig auftretenden Tics, mit Zunahme an epileptischen Anfällen, mit Aufkommen von Morbus-Crohn-Schüben, mit Spastiken infolge MS, mit Schmerzsymptomatiken, Depressionen wegen PTBS oder Erregungszuständen wegen ADHS etc. zu kämpfen haben…

„Die Versorgung mit Betäubungsmitteln ist gesichert,“ verspricht das BfArM

Was das Bundesinstitut nicht sagt: Die Versorgung mit dem Luxus-Betäubungsmittel Cannabis ist politisch unerwünscht, das fortbestehende Leiden ehemals glücklicher Ausnahmeerlaubnis-Inhaber aber bleibt gesichert.

Axel Junker

die bundesregierung schadet

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4 thoughts on “TOLLHAUS

  1. Die frühere Regelung, dass Vorbestrafte keine Ausnahme-Genehmigung bekommen, ist abgeschafft.
    Du solltest Dich also über Deinen Arzt um eine Erlaubnis zur Nutzung von Cannabis bemühen, sofern Du es finanzieren kannst.

  2. Hat man eine Vorstrafe wegen Verstoß gegen das BtmG bekommt man keine Genehmigung sich Cannabis aus der Apotheke zu kaufen. Egal wie lange es her ist!
    Ich habe eine schwere Diabetische Neuropathie und kein Medikament wirkt ausreichend. Cannabis lindert aber mein Schmerz so, das ich schlafen kann. Ohne zu fragen habe ich von meinen Arzt Hydromorphon verschrieben bekommen. Mein Arzt sagt das er mir jedes Opiat verschreibt, was ich möchte. Nur die Heilpflanze die mir hilft bekomme ich nicht.
    Verrückte Welt!!!
    LG
    Nobby

  3. Danke, Markus.
    Ähnlich lautende Bescheide haben betroffene Patienten von ihrn Bezugs-Apotheken erhalten.