27
Mai
2012

Anmerkungen zur öffentlichen Anhörung im Gesundheitsausschuss am 9. Mai 2012



Die öffentliche Anhörung hat einen breiten Konsens unter betroffenen Patienten-Gruppen und Ärzteschaft darüber gezeigt, dass Patienten immer noch nicht ausreichend mit Cannabis versorgt sind und die Indikationen dringend ausgeweitet werden müssen, bei denen Cannabis-Fertigarzneien und  -Rezepturen erstattungsfähig verschrieben werden können.
Wir erwarten, dass dies bei den verantwortlichen Politikern angekommen ist.
Diverse Aspekte sind aus unserer Sicht bei den Vorträgen allerdings zu kurz gekommen, in den Stellungnahmen nicht erwähnt – oder aber auch falsch dargestellt worden:

1. Kostenübernahme von Cannabis-Blüten durch die gesetzlichen Krankenkassen für Patienten mit Ausnahmegenehmigung durch das BfArM:
Dem SCM ist bis dato kein einziger Patient bekannt, dessen Kosten für eine Therapie mit Cannabisblüten erstattet werden. Nicht einmal die Berufsgenossenschaften, die diesbezügliche Regelungen großzügiger handhaben, sind zu einer Kostenübernahme bereit.

Die Unkenntnis über die Regelungsweise, wie sie in der Frage der Drogenbeauftragten Dyckmans zum Ausdruck kam, verwundert uns ausdrücklich, weil die Kassen in ihren Ablehnungsbegründungen auf eine Stellungnahme des Bundesministeriums für Gesundheit vom Januar 2004 zum Einsatz für Cannabis-Wirkstoffe Bezug nehmen, die eine Kostenübernahme verbietet und genau all diejenigen Argumente enthält, die bei der Anhörung vom Vertreter  des Spitzenverbandes der Krankenkassen am 09. Mai vorgetragen worden sind.
2. Zur Frage, ob mit erweiterter Kostenübernahme für Sativex und Dronabinol die Forderung nach Eigenanbau obsolet werden:
Mit einer erweiterten Kostenübernahme für Sativex und Dronabinol erledigt sich aus unserer Sicht nicht die Notwendigkeit der medizinischen Versorgung eines großen Teils der Patienten mit Cannabis-Blüten.
  • Patienten mit einer Ausnahmegenehmigung haben einen monatlichen Bedarf zwischen 15 Gramm und 100 Gramm Cannabisblüten, wobei die Mehrheit sich im Bereich zwischen den genannten Mengen bewegt. Dies entspricht beispielsweise bei der Sorte Bedrocan (19%ig) einem THC-Gehalt zwischen 2850 und 19000 mg THC. Die monatliche Höchstverschreibungsmenge für Dronabinol entspricht jedoch einer THC-Menge von 500 mg. Diese Höchstverschreibungsmenge wurde politisch ausgehandelt, aber nicht nach medizinischen Kriterien festgelegt. Dronabinol  ist nach unserer Kenntnis für viele Kranke unterdosiert.
  • Von entscheidender Bedeutung ist auch, dass unterschiedliche Cannabissorten  unterschiedliche Wirkungen aufweisen und nicht jedes erwünschte Wirkspektrum von importierten (Bedrocan-)Sorten abgedeckt wird.
  • Patienten brauchen nicht selten schnell wirkendes Cannabis, was per Vaporisation (Inhalation) gesundheitlich unbedenklich möglich – und zudem besser dosierbar ist. Mit Alkohol gelöstes Dronabinol ist zur  Inhalation nicht geeignet.
  • Desweiteren ist davon auszugehen, dass der  G-BA die Kostenerstattung allenfalls für gut beforschte Indikationen (neuropathische Schmerzen, Übelkeit und Erbrechen bei  Krebschemotherapie, Appetitlosigkeit bei HIV/Aids, Spastik bei MS)  befürworten wird, und  auch nur dann, wenn er seine in der Anhörung eingenommene Haltung ändert. Daher wird die Forderung nach der Möglichkeit zum Eigenanbau oder nach Straffreiheit noch lange bestehen bleiben, denn für die meisten Indikationen wird es in den  nächsten 15 Jahren keine den G-BA zufrieden stellende Studienlage geben. Trotzdem gibt es einen, auch von Ärzten befürworteten Bedarf bei  solchen Indikationen, wie beispielsweise ADHS, Übelkeit bei anderen  Ursachen, Spastik bei anderen Ursachen, et cetera.
  • In ihren Kosten-Ablehnungsbescheiden stufen manche Krankenkassen fälschlicherweise Cannabisblüten der Fa. Bedrocan wie Dronabinol als Rezepturarzneimittel ein. Damit wäre also auch die Kostenerstattung möglich, sofern der GBA eine Empfehlung ausspricht bzw. das Bundesgesundheitsministerium seine Stellungnahme vom Januar 2004 entsprechend ändert. Da Cannabis aber in Deutschland kein Medikament ist, kann es auch nicht vom Arzt verschrieben werden und Patienten erhalten stattdessen eine Ausnahmegenehmigung. Die Krankenkassen sind also auch nicht zuständig, was einige offenbar nicht wissen. Eine rechtlich einwandfreie Kostenerstattung ist durch die Krankenkassen daher auf lange Sicht nicht zu erwarten. Hier muss die Politik aktiv werden.
3. Eigenanbau von Cannabis durch Patienten:
Wegen  der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit blieb bei der Anhörung unerwähnt, dass seit  Einführung der Vergabe von Cannabisblüten über Apotheken es zu vielen,  nicht hinnehmbaren, mehrtägigen bis mehrwöchigen Lieferausfällen gekommen ist. Allein 6  Lieferausfälle fanden innerhalb des Zeitraumes von Dez. 2009 – März  2011 statt. Aktuell ist ein Lieferausfall für den Monat Mai von 7-14  Tagen für die Cannabis-Sorte Bedrocan angekündigt.
Die Verantwortung dafür schieben sich das BfArM und der Importeur FAGRON gegenseitig zu.
Seit vielen Jahren schon funktioniert in diversen Bundesstaaten der USA und Kanadas die Möglichkeit des Eigenanabaus von Cannabispflanzen zum medizinischen Einsatz durch Kranke komplikationslos. Etwaige Gefährdungslagen durch nicht standardisiertes oder durch kontaminiertes Cannabis sind nicht bekannt geworden. Es ist daher absolut nicht nachvollziehbar, dass in der Bundesrepublik Deutschland von „fehlender Standardisierung bei selbst gezüchtetem Cannabis“ die Rede ist, wenn Patienten sich zur Erfüllung der BfArM-Erlaubniskriterien zuvor eigenverantwortlich durch die riesige Palette vermeintlich ähnlich wirksamer, jedoch nebenwirkungsreicher Medikamente probieren müssen, um schlussendlich mit der Einnahmemöglichkeit von insgesamt vier verschiedenen Importcannabis-Sorten konfrontiert zu werden, die allesamt ebenfalls über verschiedene Wirkstoff-Stärken und Wirkstoff-Zusammensetzungen verfügen.
Patienten, die von ihren selbst angebauten Pflanzen gesundheitlich profitieren, wissen welche Sorte ihnen die erwarteten lindernden Effekte erbringt. Sie wissen in aller Regel wie diese Sorte angebaut werden muss. Erfahrene Cannabiszüchter, die zu medizinischen Zwecken anbauen, lassen es zudem nicht an der erforderlichen Sorgfalt beim Umgang mit ihren Pflanzen fehlen.
Eine Kontamination mit Streckmitteln beim Eigenanbau ist ausgeschlossen, da der Kommerzgedanke fehlt .
Da es um die eigene Gesundheit geht  ist zu erwarten, dass Patienten bei der Zucht ihres Heil- oder Linderungskrautes das gleiche hohe Maß an Eigenverantwortlichkeit an den Tag legen wie bei korrekter Dosierung ihrer Medikamente und/ oder bei der Sicherung gegen Wegnahme des Cannabis durch Unbefugte.
Sozial schwache Patienten haben bei weiterhin bestehender Ablehnung einer Kostenerstattung seitens der Krankenkassen und gleichzeitigen Wucherpreisen und Lieferausfällen für Cannabisblüten gar keine andere Möglichkeit als den Eigenanbau, wenn sie das Schwarzmarktrisiko einer gesundheitlichen Gefährdung ebenso dringend meiden müssen wie die eventuelle Cannabis-Versorgungslücke.
Eine Kostenerstattung für Bedrocan-Cannabis für diesen Personenkreis ist daher ebenso unerlässlich wie die Duldung des Eigenanbaus durch die Untergruppe an Patienten, die speziell auf ihre Symptomatiken abgestimmten Cannabis bestimmter Wirkstoffzusammensetzungen an  Cannabinoiden aus Eigenanbau benötigen. Schlussendlich zeigt die Erfahrung unserer Arbeit, dass es noch immer eine sehr  hohe Anzahl an Patienten gibt, die verzweifelt – aber ohne Erfolg nach  sachkundigen Ärzten suchen, die sie bei einem Antrag auf eine  Ausnahmegenehmigung unterstützen. Auch ihnen bleibt nur die illegale Versorgung.
Eine gesetzliche Änderung des BtMG dahingehend die Strafverfolgung von Patienten künftig zu unterlassen, ist deshalb ebenfalls dringend erforderlich.
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2 Responses

  1. offener Brief an die Mitglieder des Gesundheitsausschuss des Bundestags | Selbsthilfenetzwerk Cannabis-Medizin Says:

    […] Wir haben zu einigen Fragen, die bei der Anhörung offen blieben, auf unserer Website Stellung bezogen. Wir bitten Sie, dies vor Ihrer Abstimmungsentscheidung zu lesen: http://selbsthilfenetzwerk-cannabis-medizin.de/anmerkungen-oeffentlichen-anhoerung-gesundheitsaussch… […]

  2. Offener Brief des SCM an die Mitglieder des Gesundheitsausschusses | | kiffen - aufhörenkiffen – aufhören Says:

    […] Wir haben zu einigen Fragen, die bei der Anhörung offen blieben, auf unserer Website Stellung bezogen. Wir bitten Sie, dies vor Ihrer Abstimmungsentscheidung zu lesen: http://selbsthilfenetzwerk-cannabis-medizin.de/anmerkungen-oeffentlichen-anhoerung-gesundheitsaussch… […]

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